Macht, medizinisches Wissen und die Erfindung der „Typhoid Mary“ – Marouf A. Hasian

Der Fall der irischen Köchin Mary Mallon, als „Typhoid Mary“ in die Medizingeschichte eingegangen, zeigt, wie bei neuen medizinische Erkenntnissen und dem Aufrechnen gegen das Gemeinwohl Individuen unter die Räder geraten können. Der Kommunikationswissenschaftler Marouf A. Hasian Jr. untersucht das Netz von Wissenschaft, Politik und Recht, in das Mallon Anfang des 20. Jhdt.s gerät. Sie soll mindestens 53 Typhusfälle in New York verursacht haben. Das Außergewöhnlliche dabei ist, dass sie eine der ersten Bestätigungen des von Robert Koch vermuteten Phänomens von „gesunden Überträgern“ ist, die Krankheiten weitergeben, ohne selbst an ihnen zu erkranken. Der Fall nimmt seinen Anfang, als im August 1906 mehrere Mitglieder der Familie des Kaufmanns Charles Warren bei dem Besuch eines Ferienhauses auf Long Island an Typhus erkranken. Der Vermieter schaltet den Gesundheitsingenieur George Soper ein, der nach Untersuchung des Hauses auf Quellen der Erkrankung zu dem Schluss gelangt, eine der Köchinnen könnte die Erkrankungen verursacht haben. Soper stellt Mary Mallon in New York, wird aber zunächst von ihr vertrieben (einer Version der Geschichte nach mit einer Bratengabel). Er schaltet die Inspektorin des Gesundheitsamtes S. Josephine Baker ein, die Mallon mit der Polizei abholt. Der Autor stellt fest, dass Mallon ihre soziale Handlungsfähigkeit in dem Maße verliert, in dem sie in die Krankheit selbst verwandelt wird. Der „Typhusträger“ als wandelnde Gefahr für die Gesellschaft erfordert auf der Gegenseite den wachsamen Gesundheitsinspektor. Mary Mallon wird als „Typhoid Mary“ somit zu einer rhetorischen Legitimation der aufkommenden Bakteriologie und vor allem der politischen und rechtlichen Maßnahmen, die die Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit notwendig macht. Allerdings ist der „gesunde Überträger“ wie der Name bereits suggeriert, eigentlich gesund und es stellt sich die Frage, wann und wie lange eine Quarantäne als strafrechtliche Maßnahme verhängt werden darf. Die Vorgehensweise der Gerichte orientiert sich dabei stark an der Vorstellung, dass bestimmte „Rassen“ ein größeres Risiko tragen als andere, was eine besondere Aufmerksamkeit Ausländern gegenüber zur Folge hat. Das Gespenst des „fremden Anderen“ geistert auch durch die Vorstellung von Infektionskrankheiten. Mary Mallon setzt sich aber zur Wehr, beteuert ihre „Unschuld“ öffentlich und privat und bestellt eigene Ärzte, die ihr z. T. keine Typhusträgerschaft nachweisen können (vielleicht weil sie, wie vermutet wird, „intermittierende Typhusträgerin“ ist und es Zeiten gibt, in denen sich die Bakterien nicht nachweisen lassen. Nach drei Jahren Quarantäne auf North Brother Island wird Mallon 1910 entlassen, man hatte ihr alle Vorsichtsmaßnahmen beigebracht und ihr das Versprechen abgenommen, keine Stelle als Köchin mehr anzunehmen. Dagegen verstösst sie allerdings, arbeitet unter falschem Namen an wechselnden Orten weiter und wird 1915 erneut verhaftet, wonach sie bis zu ihrem Lebensende in Quarantäne bleibt, allerdings mit einem Job im Quarantänelabor und einem Landhaus, in dem sie Gäste empfangen darf (bis zur Essenszeit). Das Stigma der Krankheit wird von „Typhoid Mary“ schließlich gewissermassen internalisiert und als ihr Schicksal angenommen. Nicht nur als historische Kuriosität ist der Fall der „Typhoid Mary“ interessant, mit jedem Aufkommen einer neuen gefürchteten Krankheit (seit den 1980er Jahren zuvorderst AIDS) müssen die Mechanismen, die persönliche, gesundheitspolitische und juristische Faktoren verzahnen erneut kritisch geprüft werden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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